Hinweise und Materialien für Lehrkräfte

Das Thema Kleidung als Schritt zu einer transformativen Bildung

Die Wertschöpfungskette von Kleidung ist als Thema sehr gut geeignet, um im Rahmen einer Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) Globalisierungsprozesse sowie damit einhergehende Probleme exemplarisch zu veranschaulichen. Chancen, aber auch Gefahren globalisierter Produktionsprozesse werden im Bereich der Textilproduktion besonders deutlich. Kleidung hat zudem einen direkten Bezug zu den Interessen und der Lebenswelt von Jugendlichen im Prozess der Persönlichkeitsbildung und Werteorientierung. Über differenzierte Unterrichtsangebote werden im Folgenden fachwissenschaftliche Kenntnisse und didaktische Anregungen zur textilen Kette zugänglich gemacht. Im Sinne einer transformativen Bildung möchten wir die Reflexion von Werten in Bezug auf wirtschaftliche Prozesse ermöglichen und zu einem verantwortungsbewussten Handeln anregen.

Die globale textile Lieferkette

Um Kleidung herzustellen, sind verschiedene Rohstoffe und zahlreiche Produktionsschritte erforderlich sowie viele Menschen zumeist aus unterschiedlichen Ländern der Welt beschäftigt. Wer schon einmal versucht hat, ein Kleidungsstück selbst herzustellen, bekommt eine Vorstellung von den unterschiedlichen Schritten:

  • Zuerst entsteht eine Idee – in der globalisierten Modeindustrie meist bei einer Markenfirma oder einem Handelskonzern. Dann braucht es mehr oder weniger ausgearbeitete Schnittmuster, um das sich in der Modebranche Designer*innen kümmern.
  • Der folgende Schritt ist die Gewinnung von Rohstoffen: Neben den Fasern – global dominieren inzwischen Kunstfasern vor Baumwolle und anderen Fasern natürlichen Ursprungs – spielen dabei z.B. Wasser, Dünge- und Pflanzenschutzmittel, im weiteren Verarbeitungsprozess Mineralien und Chemikalien für Farbstoffe eine wichtige Rolle. Aber auch Metalle für Reißverschlüsse und Knöpfe sind hierbei zu berücksichtigen.
  • Zur Produktion bzw. Verarbeitung braucht man zudem Maschinen für die Reinigung der Fasern, das Spinnen der Fäden, Stricken oder Weben der Stoffe, den Zuschnitt, das Zusammennähen, Bügeln und Verpacken.
  • Dazwischen wird u.a. für die Logistik analog und digital kommuniziert und es erfolgt der Transport der noch unfertigen Ware von einem Ort zum nächsten, vor allem mit LKWs und Containerschiffen. Der Handel passiert eine Reihe unterschiedlicher Stationen, an denen die Ware zwischengelagert wird, bis diese schließlich im Geschäft angeboten wird. Im Falle des Onlinehandels sind auch noch die Wege durch die Transportunternehmen und zudem das Material für die Versandkartons zu berücksichtigen.
  • Mit dem Konsum ist das Ziel der Produktion zwar erreicht, aber zu berücksichtigen ist, dass nach der Nutzung jedes Kleidungsstück entsorgt werden muss.


Probleme entlang der Lieferkette

Entlang der textilen Lieferkette gibt es zahlreiche soziale und ökologische Probleme. Damit steht sie einer nachhaltigen Produktion, wie sie im Sustainable Development Goal 12 angestrebt wird, entgegen. Dies gilt auch für den Konsum, der nicht nachhaltig ist, denn durch den Kauf nicht nachhaltig produzierter Kleidung werden derartige Produktionsprozesse unterstützt. Auch die menschenwürdigen Arbeitsbedingungen, die im Sustainable Development Goal 8 anvisiert werden, sind in vielen Schritten entlang der Lieferkette noch nicht erreicht.
Im Projekt haben wir bei der Vermittlung von Systemwissen vor allem die sozialen und ökologischen Probleme bei den Schritten der Rohstoffgewinnung sowie der Produktion/Verarbeitung fokussiert. Die Problematik ist aber noch weitaus komplexer. Eine ausführlichere Darstellung der Probleme entlang der Lieferkette gibt die fachliche Klärung (mit didaktischen Hinweisen).

Merkmale von Fast Fashion und Slow Fashion

Der Dokumentarfilm „The True Cost” von Andrew Morgan zeigt die sozialen und ökologischen Probleme der Fast Fashion-Industrie (siehe nachfolgenden Abschnitt) in verschiedenen Regionen der Erde auf (u.a. Indien, Bangladesch, USA). Die Probleme werden in dem Film im wahrsten Sinne des Wortes nahegebracht und authentisch vermittelt. Zuschauer*innen können dadurch berührt, sensibilisiert und für eine Änderung des eigenen Konsumverhaltens motiviert werden. Der Film war zudem unsere Inspiration für dieses Projekt.

Fast Fashion

„Der Begriff Fast Fashion bezeichnet eine Unternehmensstrategie, deren Ziel es ist, in hoher Frequenz neue Mode in die Geschäfte zu bringen. In klassischen Modesegmenten wie der Haute Couture, der Pret-à-Porter und der mittelpreisigen Konfektionsware umfasst ein Modejahr zwei Zyklen (eine Frühjahr/Sommer- und eine Herbst/Winterkollektion). Bei Billiglabels erscheinen mittlerweile schon 12 Kollektionen im Jahr. Motivation dieser Unternehmen ist es, die Medien auf sich aufmerksam zu machen und die vor allem jungen Konsumenten häufiger in die Läden zu ziehen.

Möglich wird der schnelle Wechsel durch die Beschleunigung in der Produktion. Früher dauerte es zwischen zwei und drei Monaten bis ein Produkt in den Handel kam, heute sind es laut der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG zwischen 15 und 12 Tagen. Das hat Auswirkungen auf die Ökonomie und geht zulasten der Ökologie.“

Quelle: http://www.fastfashion-dieausstellung.de/de/konsum

Die zentrale Frage zur Fast Fashion-Industrie ist, zu welchem wahren Preis Mode produziert wird. Diese Form der Produktion ist letztlich ein „Desaster für Mensch und Umwelt“ (CIR 2019) und geht mit einem „Konsumkollaps“ (Greenpeace 2017) einher.

Sowohl die Produktion als auch der Konsum von Kleidung müssen nachhaltiger werden. Hierfür steht die Bewegung der „Slow Fashion“, die viel mehr als nur das Gegenteil von Fast Fashion ist (siehe nachfolgenden Abschnitt).

Slow Fashion

„Slow Fashion ist nicht nur der Gegenentwurf zur Fast Fashion. Slow Fashion ist ein Bewusstsein, eine Haltung, die sich alle Protagonisten der Mode zu Eigen machen können: Die Designer, die bei ihren Entwürfen die Umsetzung mit innovativen, nachhaltigen Fasern mitdenken. Die Produzenten, die lokale Manufakturen mit der Realisierung beauftragen und dabei die Arbeitsbedingungen vor Ort im Auge behalten. Und nicht zuletzt die Käufer, die sich um weniger Konsum und nachhaltige Alternativen bemühen. Oder aber bereit sind, für menschenwürdige Arbeitsbedingungen und faire Löhne auch entsprechend höhere Preise für Kleidung zu zahlen.“

Quelle: http://www.fastfashion-dieausstellung.de/de/slow-fashion

Transformative Literacy

Die von uns konzipierten und erprobten Unterrichtsmodelle orientieren sich an den Wissensdimensionen einer sogenannten Transformative Literacy (nach Singer-Brodowski & Schneidewind 2014): Systemwissen, Zielwissen und Transformationswissen. Damit zielen sie darauf ab, dass die Schüler*innen den Wandel in Richtung Nachhaltigkeit verstehen und entsprechend nachhaltig handeln.

Den Kern bilden in unserem Projekt die Interviews mit den Unternehmen. Sie stehen exemplarisch für das Ziel- und Transformationen der Unternehmen. Hiervon ausgehend sollen Schüler*innen motiviert werden, Schritte für einen nachhaltigen Konsum zu entwickeln.

Für die von uns interviewten Unternehmen war es wichtig, dass sie mit aussagekräftigen Siegeln bzw. Labeln zertifiziert sind. Hierbei ist aber zu berücksichtigen, dass es aussagekräftige und weniger aussagekräftige Siegel bzw. Label gibt, so dass Konsumierende leicht die Orientierung verlieren können – weshalb auch von einem „Label-Labyrinth“ (CIR 2018) gesprochen wird (siehe Abb. 1). Wir haben eine kritische Auseinandersetzung mit den Siegeln bzw. Labeln entsprechend in die Unterrichtsmaterialien integriert. Sehr differenziert werden Label in der Publikation der Christlichen Initiative Romero (CIR 2018) bewertet.

Abb. 1: Titelbild (Quelle: Christliche Initiative Romero (Hrsg.)(2018): Ein Wegweiser durch das Label-Labyrinth. 3. Aufl. Münster.)

Projekttage ab Klassenstufe 9

Aufgrund der fachlichen und ethischen Komplexität der Thematik empfehlen wir eine Umsetzung in Form von Projekttagen. Unsere erprobte Konzeption bezieht sich auf drei Tage. Es ist aber auch sehr gut möglich, durch Vertiefungen entlang von System-, Ziel- und Transformationswissen das Thema in einer Projektwoche zu behandeln.


Fachunterricht ab Klassenstufe 9

Wir haben eine Unterrichtseinheit von drei Doppelstunden bzw. sechs Einzelstunden im regulären Fachunterricht für Erdkunde umgesetzt. Da aber die Thematik fächerübergreifende Fragestellungen aufgreift, eignet sich die Konzeption ggf. mit Anpassungen u.a. auch für die Fächer Gesellschaftslehre bzw. Gesellschaftswissenschaften, Politik, Wirtschaft sowie Werte und Normen.


Begleitforschung

Unsere Unterrichtseinheiten haben wir evaluiert, um sie im Laufe des Projekts zu verbessern. Zentrale Ergebnisse unserer Begleitforschung haben wir zusammengefasst.

Förderer und Verantwortliche

Nachhaltigkeitsbewertung und Nachhaltigkeitsbewusstsein entlang der „textilen Kette“ – Didaktische Anregungen zur Vermittlung von „Transformative Literacy“

Ein Projekt der Leibniz Universität Hannover, Institut für Didaktik der Naturwissenschaften, Didaktik der Geographie